Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias – 22.01.2017
Predigttext: Johannes 2,46-54
Und Jesus kam abermals nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu Wein gemacht hatte. Und es war ein Mann im Dienst des Königs; dessen Sohn lag krank in Kapernaum. Dieser hörte, dass Jesus aus Judäa nach Galiläa kam, und ging hin zu ihm und bat ihn, herabzukommen und seinem Sohn zu helfen; denn der war todkrank. Und Jesus sprach zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht. Der Mann sprach zu ihm: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt! Jesus spricht zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt! Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin. Und während er hinabging, begegneten ihm seine Knechte und sagten: Dein Kind lebt. Da erforschte er von ihnen die Stunde, in der es besser mit ihm geworden war. Und sie antworteten ihm: Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber. Da merkte der Vater, dass es die Stunde war, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen Hause. Das ist nun das zweite Zeichen, das Jesus tat, als er aus Judäa nach Galiläa kam. (LÜ)
Gottes Gnade und Friede sei mit euch allen! Amen.
„Herr Pfarrer, ich glaube nur, was ich sehe! Mit Wundern hab ich‘s nicht so.“
Sagt ein großer Schüler zum Fritzchen aus der zweiten Klasse: „So, du glaubst an Gott?“ - „Ja, ich glaube an Gott.“ - „Kannst Du Gott denn sehen?“ - „Nein.“ - „Kannst Du ihn anfassen?“ - „Nein.“ - „Also, Fritzchen, dann gibt es auch keinen Gott.“ - Sagt das Fritzchen: „Darf ich dich auch mal was fragen: Hast Du ein Gehirn?“ - „Ja, klar!“ - „Kannst du das sehen?“ - „Nein.“ - „Kannst Du das anfassen?“ - „Nein.“ - „Also, dann hast Du auch keins!“
Ist zwar nicht stichhaltig, aber schlagfertig vom Fritzchen!
„Ich glaube nur, was ich sehe.“ Ein sehr verführerisches Totschlag-Argument gegenüber Menschen, die an den unsichtbaren Gott glauben. Ich sag als Pfarrer das Gegenteil: „Ich sehe nur, was ich glaube!“ Und Sie sehen auch nur, was Sie glauben!
Ich hab was mitgebracht, das hatte ich vor circa 15 Jahren, oder vielleicht ist es noch nicht ganz so lange her, schon mal mit in der Kirche. Was sehen Sie?
Die meisten sagen: „Ich sehe einen schwarzen Fleck.“ Die wenigsten sagen: „Ich sehe ein weißes Taschentuch.“ Obwohl 90% dessen, was Sie hier sehen, ein weißes Taschentuch ist. Eigentlich sogar 100%, weil natürlich auch da, wo es schwarz ist, das weiße Taschentuch drunter ist. Aber diese 10% schwarzer Fleck nehmen den Blick so gefangen, dass wir uns zu dem pauschalen Urteil hinreißen lassen: „Ich sehe einen schwarzen Fleck.“
Vielleicht kennen Sie auch diese so genannten „Vexierbilder“: da sehen Sie entweder zwei Gesichter, die sich anschauen, oder einen Kerzenständer. Oder Sie sehen eine schöne junge Frau oder eine hässliche alte Hexe. Je nachdem, wie Sie hingucken. Sie kennen auch optische Täuschungen: Da könnten Sie schwören, dass der eine Strich länger ist als der andere, aber wenn Sie es nachmessen, sind beide exakt gleich lang. Trauen Sie Ihren Augen nicht!
„Ich glaube nur, was ich sehe“: Das Problem ist, dass das Sehen in unserem Kopf passiert, in unserem Gehirn – und glauben Sie mir: Sie haben eins, auch wenn Sie es noch nie gesehen haben! Das Sehen passiert in unserem Gehirn. WIR produzieren die Bilder, in unserem Kopf entstehen sie. Es ist nicht so, dass unsere Augen uns untrügliche Wahrheiten liefern über die Welt und das Leben. Darum halte ich dagegen: „Ich sehe nur, was ich glaube!“
Freitag, der 13. Neulich hatten wir ihn wieder mal. Wenn Ihnen da ein Missgeschick passiert, was sagen Sie da? „Na klar: heute ist ja auch Freitag, der 13.!“ Wir sehen nur, was wir glauben. Das Missgeschick, das am Donnerstag vorher passierte, dafür hatten Sie kein Sieb in Ihrem Kopf, um es einzufangen. Aber am Freitag, dem 13., da haben Sie ein feines Sieb im Kopf, und alle schlimmen Nachrichten, die Sie da hören, die filtern Sie mit diesem Sieb heraus. „Na klar: Heute ist ja auch Freitag, der 13.!“ Das heißt, Sie natürlich nicht – Sie sind ja nicht abergläubisch!
Das ist nun ein ziemlich belangloses Beispiel. Aber wenn Sie das Internet benutzen, dann kennen Sie noch ein anderes Phänomen, und das macht den Forschern und den Medienmenschen und mir auch zur Zeit richtig Sorgen: Wer da so surft, der nimmt mit der Zeit nur noch die Nachrichten wahr, die in sein Weltbild passen, in seine „Blase“, wie man das nennt. Da sehen Sie eine Nachricht über Flüchtlinge, die eine Straftat begangen haben. Und dann klicken Sie auf den wütenden Smiley, weil Sie sich darüber ärgern und weil es Ihnen Angst macht. Die Firma Facebook weiß jetzt: mit solchen Nachrichten kann man Sie erreichen, das bewegt Sie; da kommt dann auch immer gleich ein bisschen Werbung mit, natürlich. Und mit der Zeit bekommen Sie immer mehr solcher Nachrichten und Seiten zu sehen, die alle in diese Richtung gehen. Und in Ihnen wächst der Eindruck: Die Flüchtlinge machen Deutschland total kaputt, die sind kriminell und gefährlich.
Der Nachbar sieht andere Nachrichten: Vielleicht über den Flüchtlingshelferkurs unseres Evangelischen Dekanates Alsfeld, oder über die Arbeit von ProAsyl; er liest von schlimmen Schicksalen von Geflüchteten und informiert sich über die Zustände in Syrien und im Irak und in Afghanistan, und er drückt mal auf den wütenden Smiley, oder auch mal auf den Daumen hoch, weil er sich freut, dass was Positives getan wird für die Menschen. Er kriegt jetzt künftig entsprechend ähnliche Nachrichten rein. Seine Blase sieht ganz anders aus als die seines Nachbarn. Und einer wirft dem anderen vor: „Du lebst in einer anderen Welt. Du hast die rosa Brille auf.“ Diese Macht der Information, der einseitigen Information, die uns genau das liefert, was wir sehen wollen, wird uns noch viel beschäftigen in 2017. Wir sehen nur, was wir glauben – und das kann schlimme Folgen haben.
Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht. Diesen Satz hat Jesus den Leuten damals hingeknallt. Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht. Im Grunde glaubten die auch nur, was sie sahen. Und jetzt wollten sie endlich mal sehen, jetzt sollte der Jesus mal liefern. Sie hatten in Kana, diesem galiläischen Dorf, mitgekriegt: Jesus sollte mal bei einer Hochzeit mehrere hundert Liter Wasser in Wein verwandelt haben. Ob das wirklich stimmte, wussten viele nicht so genau. Einige aber glaubten fest an Jesus und an seine Macht, Wunder zu wirken. Jetzt war er wieder da.
Ein hoher Staatsbeamter kommt zu Jesus. 30 Kilometer weit ist er gelaufen. Extra wegen Jesus, weil er wusste, dass er ihn in Kana findet. Und weil er sich erhoffte: der kann meinen kranken Sohn retten, damit er nicht am Fieber stirbt.
Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht. Ich muss ehrlich sagen: als Seelsorger bin ich erst mal entsetzt. Da kommt ein Mensch dreißig Kilometer gelaufen, zu Fuß, ist in höchster Sorge um sein Kind, das sterbenskrank zuhause liegt, und bittet um Hilfe. Und dann so‘n Satz: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht. Das ist schon ein starkes Stück. Das ist heftig.
Aber schauen Sie mal, wie dieser Vater reagiert: „Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt!“ Der lässt nicht locker. Der fühlt sich gar nicht angesprochen. Der ist ja auch nicht gekommen, weil er gerne mal ein Wunder sehen wollte, sondern weil er Angst hat, dass sein Kind stirbt. Und noch was anderes hat er, das sehen wir im Folgenden: er hat auch Vertrauen. Jesus sagt zu ihm: „Geh hin, dein Sohn lebt!“ Und der Mann glaubt dem Wort, und er geht los. Und er sieht, was er glaubt: genau zu der Stunde, als Jesus das sagte, ging das Fieber zurück. Bis er daheim ist, am nächsten Tag, ist sein Sohn auf dem Wege der Besserung. Dieser Vater und seine ganze Familie glaubten an Jesus, heißt es am Ende der Geschichte.
Dieser Mann hat gesehen, was er glaubte. Am Anfang gab es gar nichts zu sehen, nur ein Wort, nur ein Versprechen von Jesus: Geh hin, dein Sohn lebt! Nichts Greifbares, nichts Sichtbares – nur eine Verheißung, nur ein Wort. Aber dieser Mann glaubte den Worten Jesu. Er ging los, ohne was zu sehen – voll Vertrauen, und bestimmt auch mit Zweifeln hier und da. Und erst am nächsten Tag, nach 30 Kilometern Fußmarsch, sieht er, was er glaubt.
Ich hab mir immer schon überlegt, ob es nicht damals auch Leute gab, die sagten: „Na, so ein Zufall! Genau da wo du bei Jesus warst, ging hier das Fieber zurück!“ Wir sehen nämlich nur, was wir glauben. Und wenn wir nur an Zufälle glauben, sehen wir nur Zufälle und keine Wunder. Jemand hat gesagt: „Wer nicht glaubt, erlebt auch keine Wunder. Wer glaubt, für den ist die Welt voller Wunder.“
„Herr Pfarrer, wenn der Jesus ja heute mal in die Kirche käme, so richtig, so dass ich ihn sehen könnte und mit ihm reden – dann würde ich auch an ihn glauben!“ Können Sie das verstehen? Ich kann das schon verstehen. Aber ich denke die Geschichte auch mal weiter: Wie würde das denn weitergehen, wenn Jesus jetzt hier reinkäme? Also, erst einmal hätten wir massive Zweifel dran, ob es überhaupt Jesus ist. Wir würden denken: der spinnt, der hält sich für Jesus. Vermutlich würde der arme Mann in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden, weil er sich für Jesus hält.
Jesus, also der echte Jesus, hätte natürlich keine Papiere dabei, wenn er zu uns käme. Er hätte als geborener Jude ein südländisches Aussehen – von daher würde er wahrscheinlich abgeschoben werden. Er wäre ein Illegaler. Noch dazu ein religiöser Verrückter – da droht vielleicht sogar Terrorgefahr, wer weiß.
Wenn Jesus hier reinkäme? Vielleicht würde es auch so gehen, dass die draußen sagen: Ihr hattet nur eine Halluzination. Ihr wart aus dem Häuschen, weil euch euer Pfarrer verlässt, und da ist es mit euch eben durchgegangen. Jesus war gar nicht da. Ihr habt euch das nur eingebildet.
Das Problematische an den Wundern ist: Sie können die immer auch ganz anders erklären. So als wären es keine Wunder. Darum helfen Wunder nicht zum Glauben, glauben Sie mir das. Aber Glaube hilft, um Wunder zu erleben! Das müssen Sie mir nicht einmal glauben, das können Sie ausprobieren!
Glauben Sie nicht nur, was Sie sehen! Und Sie werden sehen, was Sie glauben.
Die Verheißungen Jesu, die Verheißungen Gottes – Geh hin, dein Sohn lebt! - die Verheißungen Gottes gelten auch für Sie:
Bittet, so wird euch gegeben – diese Verheißung gilt. Es wird uns vielleicht nicht immer das gegeben, was wir uns mit unserem begrenzten Horizont wünschen. Aber Gott gibt uns immer genau das, was wir wirklich brauchen, darauf ist Verlass.
Ich bin bei euch alle Tage, bis an das Ende der Welt - das gilt, und wenn wir auch manchmal denken, wir seien verlassen und einsam.
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln – darauf ist Verlass. Dabei können wir Gott behaften. An diese Verheißung dürfen wir uns klammern, wenn es im Leben ganz anders aussieht, eher wie im finsteren Tal. Mir wird nichts mangeln: Sie werden sehen, was Sie glauben. Der besorgte Vater ließ sich nicht abwimmeln, als Jesus ihm seine Worte um die Ohren haute. Der wusste: dem Jesus kann ich vertrauen, auch wenn er mich mal vor den Kopf stößt. Das hat dann wohl auch seinen Sinn, den ich vielleicht später verstehe. Und siehe da, der nächste Satz von Jesus war eine Verheißung: Geh hin, dein Sohn lebt. Und dann sah er, was er glaubte. Und andere blieben dabei und glaubten auch künftig nur, was sie sahen.
Die Verheißungen Gottes gelten. Und wir werden sehen, was wir glauben.
Heute, beziehungsweise am 31. Januar, gehen für Sie und für mich 15 Jahre Gemeindearbeit zu Ende. Das ist eine lange Zeit. Und ich stehe die letzten Tage ziemlich neben mir, das will ich ganz ehrlich sagen, weil das für mich ein großer Einschnitt ist in meinem Leben, der mich auch traurig macht und unsicher. Ich bin gerne Ihr Pfarrer. In Eifa und auf der Altenburg gefällt es mir gut. Sie haben mich von Anfang an herzlich und freundlich aufgenommen, und auch meine Familie fühlt sich in Ihrer Mitte wohl. Ich habe viel Unterstützung erfahren und eine prima Zusammenarbeit mit den Kirchenvorständen und den Mitarbeitenden. Es ist besonders schön für mich, dass es so viel Musik in unseren Gemeinden gibt – natürlich auch nur, weil es so viele Menschen gibt, die da mittun. Sie haben 15 Jahre lang auch manche verrückten Ideen mitgemacht und zum Beispiel einen der modernsten Gottesdienste in der Region mit mir entwickelt und gefeiert. Sie haben sich amüsiert, wenn ich einen neuen Witz wusste und mitgesungen, wenn ich die Gitarre dabeihatte oder das Akkordeon.
Wir haben auch zusammen Schweres getragen, Zeiten der Trauer, Krankheiten, auch Auseinandersetzungen in der Gemeinde. Es gab manche Abschiede, die auch mir schwer gefallen sind. Ich danke Ihnen allen für das große Vertrauen, das Sie mir entgegengebracht haben. Sie wussten ja am Anfang gar nicht so genau, auf wen Sie sich da einlassen, außer dass es ein Vogelsberger ist und dass er Platt sprechen kann. Inzwischen tauft er mit Eselsborn und gehört dazu. Freundschaften sind entstanden, die uns wichtig sind. Am Anfang hab ich gesagt: der Pfarrer braucht nicht nur Gemeindeglieder, der braucht auch Freunde. Denen danke ich heute auch besonders.
Manches bin ich Ihnen in diesen Jahren aber auch schuldig geblieben. Das ist wohl immer so im Leben. Einen Besuch, den ich nicht gemacht habe; einen Gruß, den ich aus Versehen nicht erwidert habe; ein falsches Wort oder auch nur zur falschen Zeit; ein Versäumnis; ein Fehler. Das tut mir leid.
Ich verabschiede mich nicht, weil es mir bei Ihnen nicht gefällt. Sondern ich verabschiede mich von Ihnen, weil ich nach 15 Jahren jetzt mal nur noch mit halber Kraft Pfarrer sein will; weil ich die immer umfangreicher werdende Verwaltungsarbeit im Pfarrberuf künftig meinen anderen 50% in Heidelbach überlassen möchte und mich damit nicht mehr belasten will; weil ich mehr Zeit für meine Familie haben will; weil ich in den letzten drei, vier Jahren gemerkt habe, dass ich wirklich gar kein schlechter Musiker bin und dieses zweite Standbein ausbauen möchte ohne schlechtes Gewissen und ohne den Gedanken: Du müsstest eigentlich…
Schön ist es, dass wir ganz in der Nähe bleiben werden und uns nicht aus den Augen verlieren müssen. Für Sie als Kirchengemeinden, für uns als Familie und für mich als Pfarrer fängt ein neuer Abschnitt an. Für mich sind das Lebenssituationen, wo mir die Verheißungen Gottes noch mal wichtiger werden, Wendepunkte im Leben. Wir werden sehen, was wir glauben. Gott wird uns neue Türen öffnen und uns neue Wege zeigen. Es ist so gut, dass wir in seiner Hand sind. Dieses Vertrauen, dieser Glaube lässt uns die Welt mit neuen Augen sehen. Wir sehen, was wir glauben:
Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.
Amen.
© Pfarrer Henner Eurich, Eifa